Frederic ist raus!

Frederic ist heute 17 Jahre alt. Er lebt in der Nähe von Bremen. In einem Stadtteil, wo die Arbeitslosenquote bei 25% liegt und jeder dritte Einwohner einen Migrationshintergrund hat. Ausländerfeindliche Sprüche am Abendbrotstisch waren normal. Die großen Brüder und der Vater waren seine Vorbilder. Rechts.

Im Alter von 12 Jahren bekam er von einem Freund einen mp3-Player geschenkt, auf dem rechtsextreme Musik gespeichert war. Ganz einfach. Ohne Internet. So fing es an. Später wurden Musik und Texte immer härter. Er fing an, über Foren nach Gleichgesinnten zu suchen. Themen wurden diskutiert, rechtsextreme Texte und Musikdateien ausgetauscht. Einfach so. Ohne jede Kontrolle. Total unauffällig. 

Wer ihn so sah, hätte nicht vermutet, dass er mit rechtsextremem Gedankengut sympathisiert. Normale Klamotten. Total unauffällig. Er merkte ziemlich bald, dass es sehr viel einfacher war, sich in „normalen“ sozialen Netzwerken aufzuhalten. Rechtsextreme Seiten und Foren wurden immer wieder abgeschaltet, in den sozialen Netzwerken, in denen sich Millionen Nutzer aufhielten war es einfach, unentdeckt zu bleiben.

In der Schule fing er an, muslimische Mitschüler zu mobben. Kam Kritik von Mitschülern und Lehrern, spornte ihn das nur noch mehr an. Mehr als einmal hatte er das Gefühl, für die schweigende Mehrheit zu sprechen. Mit den Brüdern ging es zum Fußball. Hier hatte er rechtsextreme Freunde um sich. Eine gute Zeit.

Frederic hatte ein Problem. Mit 14 Jahren merkte er, dass er auf Jungs steht. Schwule kamen gar nicht gut bei seinen rechtsextremen Freunden an. Und in der Familie auch nicht. Das ist nur eine Phase, tröstete er sich.

Irgendwann landete er auf der Homepage der NPD. Er wollte Mitglied der Jugendorganisation, den Jungen Nationaldemokraten werden. Er hörte viele  Reden von Udo Pastörs, dem ersten Vorsitzenden der NPD. Frederics Hass auf Ausländer wurde immer größer. Türken, Albaner und Libanesen hasste er. Afrikaner und Juden waren ihm egal. 

Je extremer seine Ansichten wurden, desto mehr Stress hatte er mit den Ausländern. Er fühlte sich ständig provoziert. Blicke, Rempeleien, ständig Ärger. Irgendwann konnte er an nichts anderes mehr denken. Aggressionen ohne Ende. Immer kurz davor, zu explodieren. Er wollte nicht mehr lernen, nicht mehr Leben. Das war zu viel.

Er merkte, dass sich etwas ändern musste. Bei ihm. 

Irgendwer musste ihm helfen. Er vertraute sich seiner Schulsozialarbeiterin an, sie vermittelte ihm Kontakt zu VAJA. Einem Verein, der mit rechtsextremen Jugendlichen arbeitet. Die zeigten ihm, dass es auch ein Leben ohne Rechtsextremismus für ihn geben kann. Dazu musste er ein paar Dinge ändern. Keine rechte Musik mehr, Kontakt zu den alten Kumpels abbrechen. Das war schwer. Noch schwerer war es, die ausländerfeindlichen Sprüche in der Familie zu ertragen. Da hatte sich nichts geändert. Er erzählte seiner Familie, dass er schwul ist. Null Verständnis, aber sie haben sich mittlerweile damit abgefunden. 

Er hatte das Gefühl, dass er mit seinem Ausstieg einen Teil von sich aufgeben musste. Bei VAJA lernte er neue Leute kennen. In einer Jugendgruppe für homosexuelle Jugendliche konnte er über alle Probleme reden, die er hatte. Irgendwann merkte er, dass er einen Ersatz für sein rechtsextremes Umfeld gefunden hatte und er das alte nicht mehr brauchte. 

Im Nachhinein ist ihm Vieles, was er als Rechtsextremer getan hat unangenehm. Er hat einige Leute angestiftet, die jetzt immer noch in der Szene sind. Er ist raus. Das zählt.
Eigentlich will er eine Familie gründen. Ganz normal leben. Ohne Stress mit Anderen. Schon komisch. Ganz anders, als er es wollte, als er noch ein Rechtsextremer war.

 

Nach dem Text „Ausstieg im letzten Moment“ VAJA Bremen