Marco hat es geschafft

Beraterin: Du hast dich mit 15 Jahren für die rechte Szene interessiert und bist da dann reingerutscht. Was hat dich damals fasziniert?

Aussteiger: Ich ging auf eine Schule mit sehr hohem  Ausländeranteil. Die haben angefangen, uns Deutsche unter Druck zu setzen. Das war echt krass. Ich hatte Angst und die Lehrer hatten null Peilung, die durften alles machen, und keiner hat so richtig was gesagt. Ich hatte ein Bedürfnis nach Sicherheit und Verständnis und deshalb fand ich es extrem cool, mich einer Gruppe von Rechten anzuschließen. Die waren auf meiner Seite und dadurch fühlte ich mich stark und beschützt.

Beraterin: Was hat sich dann in der Schule dadurch verändert?

Aussteiger: Wir wurden schnell mehr, weil wir uns zusammengetan haben und dann haben wir den anderen gezeigt, wo es lang geht. Die sind schließlich in unserem Land und hatten sich nicht so aufzuführen.

Beraterin: Schutz und Stärke durch Zusammenhalt waren dir in dieser Situation besonders wichtig. Gab es noch andere Themen, die dir wichtig waren?

Aussteiger: Ich brauchte klare Grenzen und etwas gegen die Langeweile. Action und so. Von meinen Eltern hab ich mir nichts mehr sagen lassen, damit war Schluss. Als Mitglied in der rechten Szene konnte ich provozieren. Ich hab es genossen, anders, aber nicht alleine zu sein. Solidarität war ein wichtiges Thema für mich. Außerdem war es geil, dass alle in der Stadt wussten, wer ich war und vor mir Respekt hatten.

Beraterin: Du sagst, dass du Mitglied einer rechten Gruppe warst. Was habt ihr zusammen gemacht?

Aussteiger: Naja, so richtig voll politisch waren wir nicht, das gebe ich zu, wir haben aber bei den Demos immer mitgemacht, Flugblätter verteilt und Hakenkreuze an Wände geschmiert. Das gehörte sich einfach.  Wenn die uns gebraucht haben, waren wir dabei. Ansonsten waren wir eine Clique, die sich zum Saufen und Musik hören getroffen hat. Wenn es uns zu langweilig wurde, sind wir losgezogen um irgendwelche Assis zu verprügeln oder Ausländer platt zu machen.

Beraterin: Du bist noch zur Schule gegangen und wolltest deine Mittlere Reife machen. Wie ist es weiter gegangen?

Aussteiger: Ja, Schule hab ich gerade so geschafft und dann habe ich eine Ausbildung angefangen. Hab ich aber nach zwei Jahren dann doch abgebrochen.

Beraterin: Wie kam das?

Aussteiger: Ich war viel unterwegs und hab gesoffen. Morgens war ich dann nicht fit und hatte auch keine Lust auf das Gemecker meines Ausbilders. Irgendwann war mir alles egal, es hat mir nichts gebracht. Außerdem fing er an, sich über meine Kleidung zu beschweren und meine Tätowierungen gefielen ihm nicht. Was ging ihn das an! Reinreden lassen wollte ich mir nicht. Das nervte.

Beraterin: Heute bewegst du dich nicht mehr in den Kreisen von damals. Wie kam es zur Kehrtwende?

Aussteiger: Im Endeffekt hat mir das alles nichts als Ärger gebracht. Andauernd waren die Bullen bei mir zuhause, meine Eltern ständig traurig. Die waren einfach überfordert und außerdem hatte ich kaum Geld. Klar hab ich mich von einem Hilfsjob zum anderen geangelt. Ich hatte null Perspektive. Eines Morgens bin ich aufgewacht und mich hat mein ganzes Leben einfach angekotzt. Dieses ewige Saufen und Abhängen erschien mir plötzlich öde. Ich steckte fest und wusste, dass ich irgendwann im Knast landen würde, wenn ich so weiter machen würde.

Beraterin: Was ist dann passiert?

Aussteiger: Der einzige „Normale“, dem ich vertraut hatte, war der Streetworker unserer Stadt. Zu dem bin ich dann hin und hab mit ihm gesprochen.

Beraterin: Irgendetwas muss der Streetworker richtig gemacht haben, denn er war der Einzige, dem du noch vertraut hast!

Aussteiger: Er hat sich von mir über all die Jahre nicht provozieren lassen, er war immer als Ansprechpartner da und hat sich nicht distanziert. Natürlich hatte er auch seine Meinung, über die wir diskutiert haben. Das, was ich ihm hoch anrechne ist, dass er nie den Kontakt abgebrochen hat,  obwohl er die Szene kannte. Und der hat dann auch den Kontakt zur Ausstiegsberatung hergestellt.

Beraterin: Wieso brauchtest du Beratung?

Aussteiger: Es ist nicht so leicht, wenn du ganz unten bist, ohne Ausbildung, ohne Perspektive und mit der Angst im Nacken, dass dir das deine alten Kameraden verübeln, wenn du neue Wege gehst. In deiner Stadt glaubt dir das doch keiner. Da hast du deinen Stempel weg! Außerdem hatte ich auch die Sorge, dass ich alles nicht alleine durchstehen könnte. Klar hab ich vorher das System bekämpft, aber wie gesagt, das hat mich nicht weitergebracht.

Beraterin: Was ist in der Ausstiegsberatung passiert?

Aussteiger: Wir haben uns zusammengesetzt und erst mal quasi beschnuppert. Ich hab gemerkt, dass es wirklich um mich ging. Wir trafen uns öfter, um herauszufinden, was machbar ist und was ich brauchte. Es bewegte sich etwas in meinem Leben. Das wichtigste war, dass ich Hilfe in Anspruch nehmen konnte, ohne abgewertet zu werden. Ich habe meine Tätowierungen verändern lassen und  meinen „rechten“ Kleidungsstil verändert. Jetzt bin ich auf der Suche nach einer Ausbildungsstelle als Tischler, …und eine Freundin hab ich inzwischen auch. Die Zeit von damals ist vorbei, auch wenn sie eben ein Teil meiner Vergangenheit bleibt.

Beraterin: Und deine Einstellung zu Ausländern?

Aussteiger: Wenn ich zurückblicke, ist mir vieles echt peinlich und unangenehm. Heute schäme ich mich regelrecht, wenn ich an manche Aktionen zurückdenke. Ich lebe mit den Ausländern, die ja häufig Deutsche sind, gut zusammen. Aber das war ein Prozess und meine Haltung hat sich im Laufe der Zeit erst verändert. Aber die Hauptsache ist, dass ich heute anders davor bin.

Beraterin: Was würdest du einem Menschen raten, der sich aus der rechten Szene hinausbewegen will?

Aussteiger: Ich würde ihm sagen: tue es, und es lohnt sich, eine Ausstiegsberatung in Anspruch zu nehmen!

Beraterin: Danke für dieses Gespräch!